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Durch Gebet und Wort für verfolgte Kopten

Frau mit Burka: Gefängnis aus Stoff – oder aus Ideen? 1. April 2010

Filed under: Reportagen — Knecht Christi @ 22:53

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In Belgien will noch im April eine große Parlamentsmehrheit Burka und Gesichtsschleier in der Öffentlichkeit untersagen. Doch so verständlich das Befremden gegenüber den Vollverhüllungen ist – Verbote sind sinnlos. Es geht um die Burka in, nicht auf den Köpfen.

 

Islam ist, was Muslime glauben. Einige finden, dass ihr Glaube sich mit Bier verträgt. Andere meinen, nur eine Burka sei die angemessene Bekleidung für eine Frau. Die meisten bewegen sich irgendwo in der Mitte zwischen diesen beiden Polen. Ob aus einer dieser Überzeugungen ein Problem erwächst, liegt am gesellschaftlichen Kontext: In Afghanistan ist das Bier ein Problem und die Burka keines, in Belgien ist es umgekehrt. Dort will eine Regenbogenkoalition von Grünen über Liberale, Christdemokraten und Sozialisten bis zu den Rechten die Burka und den Niqab genannten Gesichtsschleier in der Öffentlichkeit per Gesetz verbieten – freilich ohne sie beim Namen zu nennen. Geld- und sogar Haftstrafen sollen bei Übertretung verhängt werden. In Frankreich liegt ein ähnlicher Vorschlag derzeit auf Eis. Es wäre nicht überraschend, wenn die Burka-Debatte in Bälde noch andere Länder Europas voll erfasst, nicht zuletzt Deutschland. Auch wenn nur sehr wenige Musliminnen im Westen Burka oder Niqab überhaupt anlegen. 
 
Ja, Burka und Niqab sind ein Integrationshemmnis: Nun beruht das Projekt der Moderne westlicher Prägung unter anderem auf der Überzeugung, dass die Welt lieber so sein möge wie Belgien als Afghanistan. Männer und Frauen sollen gleichberechtigt sein; niemand soll ausgeschlossen werden oder sich ausgeschlossen fühlen; Religion soll weitestgehend Privatsache sein. Gegen diese Grundsätze verstoßen nach Ansicht der belgischen Parlamentarier Burka und Niqab. Das ist nachvollziehbar. Die gezielte Unkenntlichmachung von Frauen in der Öffentlichkeit, nie von Männern, ist daran gemessen eine Provokation. Zumal der Verdacht nicht fern liegt, dass ein Teil der Frauen zu diesen Verhüllungen gezwungen wird. Noch näher liegt die Vermutung, dass Kinder in den entsprechenden Familien nicht gerade an emanzipatorische Ideen herangeführt werden. Und ganz bestimmt ist die Vollverschleierung ein Integrationshemmnis.
 
       Trotzdem ist ein Burka- und Niqab-Verbot sinnlos. Denn es greift ein Symptom an, lässt jedoch die Ursache außer Blick. Es geht aber um die Burka in, nicht auf den Köpfen. Für eine tatsächlich unter die Burka gezwungene Frau wird ein Verbot vermutlich nur bedeuten, dass sie das Haus nicht mehr verlässt. Dass es einen erzieherischen oder aufklärerischen Effekt auf ihren Ehemann ausübt, wird wohl kaum jemand ernstlich behaupten. Dass sie selbst sich durch das legislative Statement unterstützt fühlt, ist eine gewagte Vermutung.
 
Aber Verbote sind keine Einladung zur Teilhabe: Dabei ist richtig: Burkas passen nicht gut nach Europa. Europa steht für das Ideal einer lebendigen, offenen, demokratischen Gesellschaft. Es ist ein Problem, wenn sich Teile der Gesellschaft diesem Ideal bewusst entziehen (oder entzogen werden). Aber Verbote erklären nichts, machen nichts schmackhaft, laden nicht zur Teilhabe ein, bauen keine Schwellen ab. Sie sind sinnvoll, wenn es um konkrete Taten wie die als Tradition verbrämte Genitalverstümmelung von Mädchen oder um Aufrufe zur Gewalt geht, beides übrigens kein exklusiv muslimisches Problem. Wer aber Burka und Vollverschleierung aus dem Stadtbild verbannen will, muss andere Wege suchen.

Integration in eine offene Gesellschaft funktioniert praktisch nur über Kontakt und Austausch. Eine umfassende Kindergartenpflicht wäre wesentlich sinnvoller. Gerne verbunden auch mit der Pflicht für beide Eltern, zum Elternabend zu erscheinen. Und lieber in Burka gehüllt als gar nicht. Solche Vorschläge haben zudem den Vorteil, dass sie nicht nur die Frauen betreffen – und auch nicht nur jene Familien, in denen die Frau eine Burka trägt. Nicht jede Frau unter Niqab oder Burka fühlt sich unterdrückt. Und das Gefängnis, in dem einige muslimische Frauen zweifellos leben, kann auch unsichtbar sein. Es besteht nicht aus Stoff, sondern aus Ideen.

Der Spiegel.Online

 

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